Zeitjung Online Zeitung

Veröffentlichung ist wichtiger als Anwendung

Wenn Wissenschaft kein Wissen schafft

28.10.2014

Wieso Unis auch mal Idealismus und Kreativität fördern sollen.

Von Niklas Binder

Wenn wir von Wissenschaft reden, denken wir gerne an Albert Einstein, Laborkittel und Bunsenbrenner. Wir denken an ein geschäftiges Institut, dessen Mitarbeiter in einer Tour an der Erkenntnis, dem Erreichen eines höheren Ziels arbeiten. Deren Aufgabe es stets ist, ein Heilmittel gegen Krebs zu finden oder künstliche Prothesen, mit denen Lahme wieder gehen können herzustellen. 

Soviel zur Vorstellung - dass die mit der Realität nichts mehr zu tun hat, weiß jeder, der schon einmal an einer Universität studiert hat. Strenge, hierarchische Strukturen, bolognatisierte, verschulte Studiengänge und eine Massenabfertigung, die jeglichen individuellen Gedanken im Keim erstickt sind der traurige Alltag. Was einst ein Hort des Meinungsaustausches und der Kreativität war, ist heutzutage verkommen zur Produktionsstätte des Wissens. Mehr Wissen? Ja geil, ist doch super! 

Das zweite Glied des dritten Beins des peruanischen Mikrotausenfüßlers

Nein, ist es nicht! Denn herauszufinden, wie der Mechanorezeptor des zweiten Gliedes des dritten, linken Beines des peruanisches Mikrotausendfüßlers funktioniert, ist kein Wissen, sondern nur reine Information, die auf diesem Planeten nun wirklich kein Mensch tatsächlich braucht. Genauso wenig das Wissen, in welcher trigonometrischen Funktion der Flagellenschlag des Affenspermiums funktioniert oder welche Gehirnzelle feuert, wenn ich ein kotzendes Kamel sehe. 

Trotzdem wird an Universitäten unter dem Vorwand der Grundlagenforschung an Themen geforscht, deren Anwendungsgebiete entweder irrelevant oder nicht existent sind. Erkenntnis, Idealismus als Ursache dafür? Pff... von wegen. Das eigentliche Ziel, das Doktoranden heute vorantreibt, ist, bis Ende der Habilitation mehr Veröffentlichungen im Portfolio zu haben als Finger an einer Hand. 

Veröffentlichen oder verschwinden

Publish or Perish ist das Motto der Wissenschaftsgemeinschaft. Und da niemand im Äther der Bedeutungslosigkeit verschwinden will, veröffentlichen alle. Die ganze Zeit. Ob es dann tatsächlich um eine wichtige Entdeckung geht, die es dem blinden Peter mal erlaubt, mit Hilfe von Computerchips auf seiner Zunge wieder zu sehen oder doch nur um den Aufbau von einer X-beliebigen Protease eines X-beliebigen Bakteriums, das im Arsch von einem X-beliebigen Flughund lebt, ist dann eigentlich egal. Hauptsache es wurde veröffentlicht!

Daran misst man heute nämlich die Qualität und die Güte einer Universität: Wie viele Veröffentlichungen hat die Universität in welchem Bereich in welchem Fachjournal gemacht und von wie vielen anderen Veröffentlichungen wurden diese dann wiederum aufgegriffen und weiterverarbeitet. Im Prinzip ist der ganze wissenschaftliche Betrieb nämlich nur eine große Paper-Produktions-Maschinerie, deren Ziel es ist, den Ruf der Uni zu verbessern. Gesellschaftlicher Mehrwert? Fehlanzeige. 

Seite 2: Produktionsstraße Wissenschaftsbetrieb
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