Zeitjung Online Zeitung

Nicht genormtes Gemüse

Krumme Dinger

22.07.2014

Gemüse, das nicht der Norm entspricht, wird meist weggeworfen. Jetzt steht es im Supermarkt.

Von Maxi Jung 

An apple a day keeps the doctor away. Davon, dass er dazu rund und ohne Beulen sein muss, war nie die Rede. Einzig und allein die EU-Handelsnormen geben das vor.

Kulinarische Außenseiter

Fast die Hälfte der Ernte bleibt auf den Feldern liegen und verrottet, weil das Gemüse und das Obst nicht der Norm entspricht. Weil sie gegen diese Verschwendung von Wasser, Zeit und Energie protestieren wollen, haben Lea Brumsack und Tanja Krakowski aus Berlin "Culinary Misfits" gegründet. Mit einem mobilen Stand (ein Fahrrad mit Anhänger) brachten sie seit Frühjahr 2012 "missratenes" Gemüse und vergessene Sorten, wie zum Beispiel blaue Kartoffeln, auf den Markt nach Kreuzberg.

Die beiden Designerinnen verarbeiteten das Gemüse zu vegetarischen Gerichten und verkauften es. Aber das war ihnen nicht genug: Sie starteten ein Crowdfunding Projekt für einen eigenen Laden auf Startnext und hatten Erfolg: Am dritten Juli 2014 konnten sie ihren Laden eröffnen. Sie bieten dort Möhrenkuchen, Beteschokokuchen und bunte Stollen an, Salate und Suppen. Alles hergestellt aus sich umarmenden Möhrchen, knolligen Kartoffeln, überdimensionalen Zucchini und weiterem non-konformen Gemüse. 

Ab in den Supermarkt

In dem Video, das die beiden damals für ihr Projekt gedreht haben sagen sie: "Trotzdem gibt es noch viel zu tun, dass auch dreibeinige Möhrchen und Kartoffeln mit krummen Nasen wieder in die Supermärkte dürfen." 

Bereits 2013 fingen die Misfits an, sich in die Supermärkte einzuschleichen. Bei Rewe hieß das ganze "Wunderlinge", bei Edeka "Keiner ist perfekt". Jedoch lief der Verkauf in Deutschland nicht so gut, wie zum Beispiel in Großbritannien bei Sainsbury's. Nach einem verheerenden Sommer war ein Großteil der Ernte zerstört. Um den heimischen Bauern zu helfen, wurde auch Obst verkauft, das nicht der Norm entsprach. Da der Verkauf unglaublich gut lief, hält die Supermarktkette bis jetzt an der Idee fest, nicht genormtes Obst zu vertreiben.

Möglicherweise hatte das non-konforme Gemüse in Deutschland keinen Erfolg, weil wir durch die EU-Vermarktungsnormen zu hohe Erwartungen haben und denken, gerades Gemüse wäre besser für uns. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Studien zufolge sind unförmige Feldfrüchte oft aromatischer und gesünder. 

Les fruits et le legumes moches 

Vielleicht haben die Deutschen die Sonderlinge aber auch einfach nicht gekauft, weil die Projekte nicht gut vermarktet wurden. Die französische Supermarktkette "Intermarché" hat eine geniale Strategie entwickelt, um die kulinarischen Misfits zu verkaufen und die Aufmerksamkeit auf die bestehende Wegwerfgesellschaft zu lenken.  

Die Werbekampagne setzt die non-konformen Früchte mit witzigen Namen und Sprüchen in Szene und lässt Besucher Säfte und Suppen aus dem unförmigen Obst und Gemüse probieren, damit sie sehen, dass sie genau so gut oder sogar besser schmecken als ihre genormten Brüder und Schwestern. Zudem sind sie dreißig Prozent billiger. 

Wir wollen auch inglorious fruits and vegetables in unseren Supermärkten finden und nicht nur in kleinen Läden von Weltverbesserern. Denn verbogene Möhrchen machen sich doch auch besser in der Suppe als verrottend auf dem Feld. Na, wie wär's jetzt mit einer lächerlichen Kartoffelsuppe, danach ein groteskes Apfelmus und vielleicht ein hässlicher Orangensaft dazu? Wen die Form stört, macht halt beim Kochen die Augen zu. 

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Bildquelle: Screenshots