Zeitjung Online Zeitung

Video-Reportage von Mikkel Keldorf Jensen

Getötet für König Fußball?

28.05.2014

Für die WM werden in Brasilien anscheinend Straßenkinder erschossen, um den schönen Schein zu wahren.

Carina Neumann

Über zwei Jahre lang hat sich der dänische Journalist Mikkel Keldorf Jensen auf die Weltmeisterschaft in Brasilien vorbereitet. Der 27-jährige Freelancer lernte Portugiesisch und studierte an der Universität in Rio Brasiliens Geschichte, um sich einen Traum zu erfüllen: Er wollte vor Ort über die WM 2014 berichten. Doch je näher sie rückt, desto mehr verwandelt sich sein Traum in einen Albtraum. Er wird Zeuge traumatisierender Brutalität und schmeißt das Handtuch. Nun berichtet er über seine Erlebnisse. Sein Dokumentarfilm und sein Blog sind nur ein kleiner Ausschnitt der Grausamkeit, die auf den Straßen Brasiliens herrscht. Und doch reicht beides aus, um den wahren Preis der Fußball-WM zu erkennen. Und der ist nicht mit Geld zu bezahlen: es geht offenbar um Menschenleben.

Bitterer Beigeschmack

Was in Südamerika bereits durch die Medien kursiert und für lähmende Entsetzung sorgt, ist uns bisher noch erspart geblieben. Es wird weiterhin munter mitgefiebert und spekuliert, Beamer werden organisiert und die Bierkästen im Keller gestapelt. Endlich ist es wieder so weit: Deutschland wird wieder zu Schland, endlich gibt es einen sozial akzeptierten Grund sich komplett abzuschießen, und endlich wird wieder gejolt, gejubelt und gesoffen!

Nach diesem Video allerdings hinterlässt das Bier einen bitteren Nachgeschmack. Denn plötzlich schmeckt die WM nach Lügen, nach Korruption und nach enormer Ungerechtigkeit.


„Meine WM-Karte ist mit Straßenkinderblut befleckt“ 

Das schrieb Mikkel Keldorf Jensen vor ein paar Wochen in seinem Blog. Vor seiner Zeit in Brasilien hat er sich nicht großartig von anderen jungen Menschen unterschieden – auch er feierte gern, ließ sich vom Gemeinschaftsgefühl der WM mitreißen und hatte den Pokal vor Augen. Doch sein Aufenthalt in Fortaleza, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaats Caerá, hat alles verändert. An diesem Ort steht eines der 12 Stadien, das ab 12. Juni von Menschenmassen geflutet werden wird. Ein halbes Jahr lang dokumentierte er die Zeit vor der WM, mischte sich unters Volk und sprach mit den Straßenkindern der gewalttätigsten Metropole Brasiliens. Dabei musste er feststellen, dass sie nach und nach verschwinden.

Sie seien, so Jensen, dem neuen Säuberungsprogramm der Stadt zum Opfer gefallen. Denn Brasilien solle schließlich auch während der WM das Bild verkörpern, das Touristen in den Medien vermittelt wird: ein lebensfrohes Land, in dem es von fruchtigen Cocktails, wirbelnden Tänzern und willigen Mädchen nur so wimmelt. Das kurbelt die Wirtschaft an! Hungernde Straßenkinder, die in den für die Touristen vorgesehenen Vierteln schlafen, passen nicht ins Bild und werden daher, so der Journalist, von der Polizei beseitigt: Sie würden nachts im Schlaf erschossen und aus den Touristenvierteln entfernt. Wohin man sie bringe, weiß keiner, sagen die Straßenkinder. Zurück bleibe eine cleane Straße, die nur darauf wartet, den Touristen vorzugaukeln, hier sei alles in Ordnung. Damit sie die WM weiterhin genießen können, während der Regen durch die Krankenhausdecken tropft und das Blut von den Straßen wäscht.

2:25 Minuten Realität

Mikkel Keldorf Jensen kapitulierte vor dieser Grausamkeit und reiste zurück nach Dänemark. Er boykottiert die WM. Er selbst kam einst als Tourist nach Brasilien. Und auch er wollte über die Herrlichkeit des Landes berichten. Aber es folgte die Einsicht, dass ein Land wegen Menschen wie ihm, einem „Gringo“, einem Touristen, zerstört wird. Am 14. Mai postete er auf seiner Facebookseite: „Ein Gringo, der gesehen hat, was Gringos nicht sehen sollten.“

Nun nutzt er sein Video, um den Menschen die Realität vor Augen zu führen. Er schrieb uns: „Ich hoffe, die deutschen Zuschauer werden eine wunderbare Zeit in Fortaleza haben, wenn sie sich das Ghana-Spiel anschauen. Aber ich wünsche mir auch, dass sie sich ein wenig Zeit nehmen, um hinter die Kulissen des Beach Boulevard und der schönen Strände zu sehen. Brasilien kann einen leicht verführen – was absolut schön ist – aber als Gast sollte man auch respektvoll sein und wissen, wie dieses Touristenparadies entstanden ist und wer dafür bezahlt hat. Versucht, es mit McDonalds zu vergleichen (übrigens der Hauptsponsor der WM): Es sieht lecker aus und schmeckt gut – aber wir möchten lieber nicht daran denken, wie dieses Essen gemacht wird, stimmts? Für mich ist das etwa das gleiche, was gerade in Brasilien passiert.“

Nachtrag: Die vollständige Reportage ist jetzt online!

Nachtrag 2 (30.05.14): Dieser Artikel setzt sich kritisch mit der Arbeit von Mikkel Keldorf Jensen außeinander. Nach Angaben des Autors lassen sich die Vorwürfe von Jensen nicht belegen.


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Bildquelle: Mikkel Keldorf Jensen