Zeitjung Online Zeitung

Grenzenlose Familie: Über das Reisen mit Kindern

Reisen ohne Grenzen

10.09.2013

Mit Kindern reisen ist schwierig? Diese Familie beweist das Gegenteil.

Bei den meisten ist der Gedanke verbreitet, hat man erstmal Kinder, ist es aus mit der Freiheit. Insbesondere der Freiheit, zu reisen, wohin man Lust hat. Für Anna und Thomas Alboth war die Geburt ihrer ersten Tochter Hanna gerade ein Grund zu reisen. Eine sechsmonatige Reise führte sie rund ums Schwarze Meer in Länder wie Rumänien, Bulgarien, Moldawien, Russland, Georgien und Aserbaidschan. Nicht unbedingt Länder, die man sich für den klassischen Familienurlaub aussuchen würde. Aber der Blog „The Family Without Borders“ zeigt anhand von eindrücklichen Fotographien und interessanten Reiseberichten, dass das durchaus geht. Nebenbei wuchs die Leserschaft ihres Blogs permanent an und verfolgte, wie es, nun schon mit zwei Kindern, durch Südamerika ging. ZEITjUNG.de sprach mit Anna Alboth über ihre Erfahrungen.

ZEITjUNG.de: Wie kam es zur Idee diesen Blog zu machen?

Anna Alboth: Das ist vielleicht eine etwas dumme Geschichte, wir hatten nämlich keine großen Pläne. Das Problem war, dass die Großeltern etwas besorgt über unsere Reisepläne waren. Dagestan und Tschetschenien schienen ihnen nicht sonderlich sichere Orte zu sein. Außerdem wollten sie ihr Enkelkind nicht ein halbes Jahr lang nicht sehen können. Mit dem Blog konnten wir ihnen zeigen, dass es uns allen gut geht. Einige Zeit nannte Hanna den Laptop Großmutter, weil wir soviel skypten.

Also war es vor allem für die Familie und Freunde.

Genau. Aber nach zwei oder drei Monaten schauten wir die Seitenstatistiken an und bemerkten, dass auch andere Leute den Blog lasen. Und da ich Journalistin bin und Tom im Herzen Fotograph, beschlossen wir, den Blog noch mehr mit Hintergrundinformationen zu befüllen. Es überrascht mich noch immer wie viele Leute das lesen. Das ist auch schwierig für mich, da ich nicht genau weiß, was genau die Leute am Blog fasziniert, wahrscheinlich dieses Familiending.

Bekommt ihr denn Reaktionen?

Nicht so viel. In etwa fünf Mails pro Tag. Es geht dann um Reisetipps, generelle Fragen, oder darum wie man ganz bestimmte Strecken mit Kindern bewerkstelligen kann.

Glaubst du denn, ihr könnt Leuten die Angst nehmen mit kleinen Kindern solche Art von Reisen zu unternehmen?

Ich weiß von ein paar Beispielen, wo wir Familien inspiriert haben. Das macht mich sehr glücklich. Für uns ist es auf jeden Fall immer eine schöne Zeit miteinander und das wünsche ich jedem. Ich weiß natürlich, dass nicht jeder gerne reist, oder zeltet, oder im Auto schläft.

Hast du schon Angst davor, wenn Hanna in die Schule kommt und ihr zeitlich eingeschränkter seid?

Ich versuche nicht zu viel dran zu denken, aber natürlich ist es nur noch ein Jahr, bevor sie in die Schule kommt. Aber wir arbeiten ja auch und können sowieso nicht einfach wegfahren, wann wir wollen. Dann müssen wir halt besser planen und kürzere Reisen machen. Gerade waren wir für drei Wochen in Bosnien.

Gab es denn Probleme, mit denen ihr so nicht gerechnet hättet?

Bei unserem zweiten Trip hätte ich nicht erwartet, dass Hanna so sehr ihre Freunde aus dem Kindergarten vermissen würde. Glücklicherweise hatte man ihr ein Album mit den Bildern aller Kinder geschenkt, das hat uns gerettet. So saßen wir dann jeden zweiten Abend mit dem Album, haben uns die Bilder angeschaut und überlegt, was die Kinder alles gerade so machen könnten. Ich hatte nicht gedacht, dass sie mit zweieinhalb Jahren schon ein so ausgeprägtes Sozialleben haben würde.

Gab es auch mal komische Reaktionen auf eure Reisen, etwa von den Eltern anderer Kinder?

Niemand hat je offen etwas gesagt. Dass das gefährlich ist, oder unverantwortlich. Ich warte noch drauf, da ich weiß, dass viele Leute so denken. Einmal wurden wir vom polnischen Fernsehen interviewt. Ein Satz von uns, in dem wir erklärten, dass wir mit Kindern unseren Lebensstil nicht ändern wollten, wurde komplett aus dem Kontext gerissen. Ein Experte sprach von den armen Kindern, die immer mit uns mitkommen müssen, ohne gefragt zu werden und so weiter.

Was sind die größten Vorteile beim Reisen mit Kindern?

Da gibt es sehr viele, aber mir fallen nur zwei Nachteile ein.

Ok, was sind die größten Nachteile beim Reisen mit Kindern?

Ohne Kinder würden wir beim Reisen mehr Risiken eingehen. Wir wären wohl, ohne weiter nachzudenken, nach Dagestan (russische Republik im Nordkaukausus, Anm.d.R.) gefahren. Oder in Georgien wären wir auf Pferden durch die Berge geritten. Das haben wir  mit Hanna nicht getan. Der zweite Nachteil ist, das man nur schlecht am regionalen Nachtleben teilhaben kann. Unterwegs hat man keine Familie oder Freunde, denen man vertraut. Und wir würden unsere Kinder nicht nach einem Abend bei Fremden lassen. Gerade aus journalistischer Perspektive ist das schade, da abends viel passiert und Leute offener reden. Andererseits ermöglichen Kinder auch den Kontakt zu anderen Familien, Großeltern, Müttern und so weiter, mit denen man sonst nicht ins Gespräch kommen würde.

Gab es denn mal eine gefährliche Situation?

Einmal gab es eine Situation in Georgien. Wir haben abgelegt in den Bergen übernachtet und ein seltsamer Mann aus dem Dorf kam auf uns zu. Er hatte ein kleines Mädchen bei sich, das etwas verstört wirkte. Mir fiel auf, dass sie nicht auf Hanna zukam, was bisher alle Kinder getan hatten. Er sagte uns hallo, aber schaute mich sehr eindringlich an. Als er später ohne das Mädchen erneut ankam, wollten wir schnell packen und wegfahren. Er kam mir sehr nah und versuchte Thomas mit einem Pferderitt wegzulocken, worauf er sich natürlich nicht einließ. Glücklicherweise hatte Thomas den Einfall ihm zu sagen, wir würden abends zurückkommen und könnten dann gemeinsam Tee trinken, was ihn sehr beruhigte weil er so Zeit hatte einen Plan zu machen.

Sehr kluger Einfall.

Auf jeden Fall. Aber ich musste darüber nachdenken, was passiert, wenn uns wirklich jemand angreifen würde. Wir haben nicht mal Pfefferspray bei uns, ich müsste immer daran denken, was passiert wenn man es benutzt. Die Vorstellung in den georgischen Bergen einen Mann mit einem Stein zu verletzen ist sehr abstrus. Die zweite Situation war in Guatemala, mir war nicht so bewusst, dass dort wirklich jeder eine Waffe hat. Vor unserem Hotelzimmer gab es einen Balkon, auf dem ständig Männer, aufgeregt am Telefon sprechend, mit sehr großen Waffen vorbeiliefen. Ich hatte Angst und fragte einen der Männer, ob er gefährlich sei. Er meinte ja, aber nicht für mich und nicht hier.

Welche Momente bleiben am meisten in Erinnerung?

Es hat immer mit Menschen zu tun. Es gibt ja tolle Landschaften, aber wenn man bei jemandem übernachtet und sich morgens beim Abschied in die Augen schaut, das bleibt. Woran ich mich gerade erinnere ist eine Situation in Guatemala. In Zentralamerika sollte man nicht einfach in der Wildnis übernachten, also fragten wir, wo es ok ist zu bleiben und kamen so ins Gespräch. Einmal wollten wir zu einem Wasserfall und mussten danach ungeplant in einem Dorf übernachten. Die Familie, bei der wir bleiben konnten, hatte glaube ich vierzehn Kinder. Wir haben fast gar nicht geschlafen, da wir die ganze Nacht zusammensaßen. Beim Abschied fragten sie uns, wann wir wiederkämen. Wir meinten ehrlich, wahrscheinlich gar nicht. Dann fragten sie uns, wann wir anrufen würden, aber es gab gar kein Telefon. Dann fragten sie, wann wir schreiben würden, dabei konnten sie uns nicht mal ihre Adresse nennen. Eine Amerikanerin las darüber in unserem Blog und schrieb uns, dass sie in der Region sei und vorbeifahren wolle. Ich schickte ihr Bilder von uns, die sie ihnen übergab. Das gab mir ein gutes Gefühl.

Mehr über den Blog unter The Family Without Borders.

Bilder: Anna und Thomas Alboth