Zeitjung Online Zeitung

Niklas Leiferts Projekt unDRIVEN

"Wenn ich das Auto einfach stehen lasse..."

26.07.2013

Ein Real-Life-Roadmovie, faszinierende Erlebnisse, ein bärtiger Protagonist. Wir durften mitfahren.

Von Anika Landsteiner

Niklas Leifert ist Student an der Hochschule der Künste in Bern. Für sein Abschlussprojekt „unDRIVEN“ fährt er von Hamburg nach Palermo – in einem alten Audi 80, ausgestattet mit Kameras und Mikrofonen. Auf dem Weg darf jeder zusteigen, der ein Stück mitfahren möchte und nicht kamerascheu ist. Was am Ende entsteht, ist ein Roadmovie der ganz besonderen Art. In München angekommen, hat Niklas ZEITjUNG-Autorin Anika einsteigen lassen und ein erstes Fazit gezogen: 

ZEITjUNG.de: Wie waren die ersten Kilometer? Hast du von Anfang an gleich einen Beifahrer gehabt?

Niklas Leifert: Ich wollte um 19 Uhr von Hamburg Richtung Berlin losfahren. Nur dann hatte ich ein Problem mit der Elektrik, denn die Kameras wurden nicht mit Strom versorgt und die Akkus haben nicht lange gehalten. Da ich aber einen Cousin in Berlin habe, der eine Autowerkstatt hat, bin ich einfach so zu ihm gefahren und habe niemanden mitgenommen. Die Fahrt ist für mich trotzdem in Hamburg losgegangen, denn alles, was passiert, ist auch Teil der Reise und des Films, egal, ob ich alleine bin oder Beifahrer habe.

Wie geht es dir selbst mit den Kameras und Mikrofonen? Schließlich wirst du stets während der Fahrten aufgezeichnet.

Am Anfang war ich ein bisschen überfordert, ich musste immer wieder den Mikrofonpegel checken, nachschauen, dass die Kameras nicht ausgehen und so weiter. Aber nach ein paar Tagen habe ich mich daran gewöhnt und jetzt läuft das so nebenher. Was mich persönlich betrifft, war es natürlich erst ungewohnt, ständig von den Kameras beobachtet zu werden, inzwischen denke ich kaum noch dran. 

Aber du bist doch Schauspieler. Ertappst du dich nicht dabei, dass du manchmal spielst? 

Es gelingt mir immer mehr, ich selbst zu sein. Aber ich erwische mich auch manchmal dabei, dass ich versuche, etwas besonders gut zu erzählen oder auf Formulierungen zu achten. Ab und an spiele ich auch mal mit der Kamera – und mache lustige Gesichter (lacht). 

Wie ist mittlerweile das Gefühl, wochenlang „on the road“ zu sein?

Gut. Ich versuche mich davon zu verabschieden, dass man diese Reise planen kann und nehme eher alles an, was passiert. Zum Beispiel denke ich mir, dass ich leider noch keinen älteren Beifahrer hatte, was einfach gut für den Film wäre, aber wenn ich niemanden finde, dann finde ich eben niemanden und somit ist es Teil der Reise. 

Erzähle mal, wie die meisten reagieren, wenn ihnen bewusst wird, dass sie in kein gewöhnliches Auto einsteigen 

Unterschiedlich. Die Leute, die mich im Vorfeld kontaktiert haben, weil sie das Projekt gut fanden, müssen sich nicht so lange an die Kameras gewöhnen und wissen schon Bescheid. So zum Beispiel mein erster Mitfahrer Georg Georgi, mit dem ich fünf Stunden durch Berlin gefahren bin. Wenn ich allerdings Tramper mitnehme, erkläre ich im Vorfeld, worum es geht, und es braucht eine Weile, bis sie sich trotz der Kameras natürlich verhalten. Aber das ging bis jetzt bei den meisten erstaunlich schnell.

Was waren bislang die lustigsten Erlebnisse? 

Ja, mehrere. Ich hatte zum Beispiel neulich meine erste Autopanne. Der Motor ist einfach ausgegangen. Zu der Zeit saß Philipp neben mir, der ein absoluter Logiker ist und schon seit dem Kindergarten Modelle erarbeitet, mit denen er versucht, die Welt zu erklären. Er macht das zwar nicht beruflich, aber seine Hauptbeschäftigung ist einfach Denken. Und dann kam Philipp ganz schön ins Schwitzen, als er mein Auto alleine anschieben musste. Solche Momente finde ich schön, wenn jemand, der immer nur mit seinem Kopf arbeitet, plötzlich körperlich ran muss. Denn diese Aufnahmen wirken wie geplant, sind aber das komplette Gegenteil davon. 

Wie lange fährst du im Schnitt pro Tag und wo schläfst du unterwegs?

Meistens zwischen 100 und 200 Kilometer. Ich brauche jeden zweiten Tag Strom, um die Speicherkarten zu übertragen, daher ist es unterschiedlich. Teilweise schlafe ich bei Leuten, die ich kenne. Beispielsweise hatte ich jemanden in Berlin und Prag. Ab und zu schlafe ich im Auto und dusche dann auf einer Autobahnraststätte. Zweimal habe ich bis jetzt in einer Pension übernachtet.

Was wirst du tun, wenn du in Palermo angekommen bist?

Ich habe einen Filmemacher in Berlin getroffen, der aus Palermo kommt und mir ein paar Tipps gegeben hat. Es gibt beispielsweise ein besetztes Theater, wo ich sicherlich viele Künstler treffe. Und ich werde einfach mal durch die Stadt fahren. Sicher ist, dass ich irgendwann aus dem Auto steige – weil die Reise dann vorbei ist. Das wäre doch ein schönes Ende, wenn ich das Auto einfach stehen lasse, oder? Vielleicht ist irgendein einsamer Strand das Ziel und nicht Palermo direkt.

Was meinst du, wann der Film zu sehen ist?

Ich habe ein ehrgeiziges Ziel und ein noch ehrgeizigeres (lacht). Das erste Ziel ist, den Film vor einem internen Publikum im Februar in Bern zu zeigen. Danach würde ich ihn gerne an Filmfestivals schicken. Und mein noch ehrgeizigeres Ziel ist, schon am 15. Januar Premiere zu feiern, weil ich da Geburtstag habe.

Wie klappt mittlerweile die Finanzierung des Projektes?

Sie hat nicht so geklappt, wie ich sie mir vorgestellt habe, also genauso wie die Reise an sich und das ist eigentlich auch das Schöne, wenn man immer wieder überrascht wird, anstatt ständig einem Plan zu folgen. Die Crowdfunding-Kampagne hatte keinen Erfolg. Es sind 2000 Euro zusammengekommen, jedoch ist das nicht die benötigte Summe, daher kriegen die Spender das Geld nun zurücküberwiesen. Jedoch haben alle gesagt, dass sie mir ihre Spende privat zukommen lassen, weil sie nach wie vor an das Projekt glauben. Daher kann ich jetzt zumindest die Fahrt machen, wofür ich extrem dankbar bin. Bezüglich der Postproduktion werde ich mich dann an eine Stiftung in der Schweiz wenden, damit ich die Leute bezahlen kann, die mich beim Schnitt unterstützen.

Seit wann lässt du eigentlich schon deinen Bart wachsen und wann lässt du ihn schneiden?

Ich habe den nun seit zwei Jahren, am 6. Juli hatte er Jubiläum. Damals habe ich einen 10-minütigen „Jesus-Monolog“ geschrieben und aufgeführt und ihn dafür wachsen lassen. Daraus ist dann ein abendfüllendes Theaterstück geworden und je länger das Stück, desto länger der Bart. Das fertige Theaterstück "Das letzte Testament" hat Ende Oktober an den Heidelberger Theatertagen Premiere, ich vermute aber, dass ich es schlussendlich ohne Bart spielen werde.

Der Film ist deine Abschlussarbeit – bereust du mittlerweile dieses aufwendige Projekt oder bist du zufrieden?

Ich bereue es auf keinen Fall. Klar gibt’s ab und an Schwierigkeiten, bei denen ich mich frage, warum ich mir so viel vornehme, aber eigentlich ist es eine relativ simple Idee, die verbindet, was mir Spaß macht: Unterwegs sein und Leute zu treffen. Daraus ergibt sich ein Film, der viele Menschen hoffentlich inspiriert und unterhalten wird. Mein Ziel ist es, dass es eine Mischung aus Beidem wird. Manchmal ist es natürlich sehr anstrengend zu fahren, auf die Technik zu achten und gleichzeitig ein Gespräch zu führen. Wenn ich dann wieder alleine bin, merke ich die Erschöpfung. Aber es macht Spaß und ich freue mich darauf, aus den Aufnahmen etwas zu schneiden, was auch für die Menschen, die nicht dabei waren, spannend ist.