Zeitjung Online Zeitung

Ausstellung "Tomorrow it's time for the future"

Günstige Mieten vs. florierender Kunsthandel

17.10.2013

Achse Berlin – New York: Wie eine Stadt die andere inspiriert.

Von Kirsten Brandt

Arm aber sexy – der Mythos Berlin wird selbst von großen New Yorker Kunstinstitutionen wie dem Guggenheim oder dem MoMa immer wieder beschworen. Berlin, mit seinen vergleichsweise (noch) günstigen Mieten, ist für New Yorker Künstler attraktiv während die Berliner Szene sehnsuchtsvoll in Richtung Hudson River blickt. Der florierende Kunsthandel macht New York zum Wunschort  und zur Projektionsfläche für Berliner Künstler.

Ein Produkt des transnationalen Austauschs ist die Ausstellung „Tomorrow it’s time for the future“ im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien. Sie zeigt junge Talente Seite an Seite mit den Künstlern, die sie zu ihren Werken inspiriert haben. Was entsteht, ist eine Gruppenausstellung, die so unterschiedliche Künstler wie Louise Bourgeois, John Cage, Tracy Emin, Raymond Pettibon und Ed Ruscha vereint. Das generationsüberblickende Projekt zeigt Malerei, Performance, Skulpturen und Videoarbeiten, die sich entweder in ihrer Form oder in den ihnen zugrunde liegenden Ideen berühren.

Eine Papierband singt „Ich bin zu müde zum Schaffen“

Die teilnehmenden Künstler wurden dazu aufgefordert, jeweils eine eigene Arbeit sowie ein nachempfundenes Werk ihres Vorbilds zu zeigen. Deville Cohen konzipierte ein Modell von Buckminster Fullers geodätischen Kuppeln aus Holz, während Cassandra L. Troyan sich mit im Schritt aufgeschnittener Hose auf einem Stuhl sitzend als Valie Export inszeniert und deren berühmt-berüchtigte Arbeit Aktionshose: Genitalpanik nachbildet. Cohen liefert auch eine besondere Pointe in Bezug auf die leitende Frage der Ausstellung: In seiner Videoarbeit Poison lässt er eine Band aus Papier singen: „Ich bin zu müde zum Schaffen.“

Auffällig ist, dass die verschiedenen Arbeiten ihren Labels nach alle als Originale ausgewiesen werden, sich die Ausstellung also bewusst der Urheberrechtsverletzung „schuldig“ macht. So leistet sie ihren Beitrag zur Diskussion über Normen rund um Urheberschaft und Original: Inwieweit wird die Möglichkeit künstlerischer Innovation durch eine zu eng gefasste Urheberrechtsregelung von vornherein unterbunden?

Ein Ratespiel für die Besucher

Ziel der Ausstellung ist es nicht, New Yorker und Berliner Tendenzen zuzuordnen oder etwa voneinander abzugrenzen. Denn weder die Werke, noch die Künstler können nach solchen Kriterien beurteilt werden – bestes Beispiel ist Deville Cohen, der in Israel geboren wurde, in Berlin die Kunsthochschule besuchte und nun in New York lebt und arbeitet. Vielmehr ist sie als Versuch zu sehen, die gegenseitige Wechselwirkung der Städte und die von ihnen inspirierte Kunst zu zeigen.

Letztlich lässt sich der Besucher auf ein Ratespiel ein: Wer hat sich welches Vorbild ausgesucht? Dankenswerterweise haben die Kuratoren darauf verzichtet, kenntlich zu machen, wer sich von wem hat inspirieren lassen. Manchmal sind die Arbeiten direkt nebeneinander gehängt, oft allerdings am jeweils anderen Ende der Ausstellung. Wie zum Beispiel die Arbeiten von Zefrey Throwell, der, inspiriert vom österreichischen Künstler Otto Mühl, die Gesichter eines Mannes und einer Frau schemenhaft darstellt. Er hat neben rosa Aquarellfarbe den „Schweiß von zwei Liebenden“ verwendet, „gesammelt beim Laufen und Liebe machen“. So schweißtreibend ist die Arbeit des Betrachters nicht. Doch es ist eine Stärke des Ausstellungskonzepts – und das ist selten –, dass es sich beim Rundgang nicht sofort erschließen lässt. Der „aktivierte“ Besucher wird zum Mitdenken aufgefordert.

Die Ausstellung "Tomorrow it's time for the future" ist noch bis zum 20. Oktober täglich von 12-19 Uhr im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien zu sehen. Mariannenplatz 2, Eintritt frei.

Mit Arbeiten von: Stefan Alber, Josef Albers, Matthew Barney, Caroline Bayer, Louise Bourgeois, Daniel Buren, John Cage, Vija Celmins, Deville Cohen, Grayson Cox, Robert Crumb, Lizza May David, Janine Eggert, Tracy Emin, Valie Export, Nadja Frank, Jared Friedman, Buckminster Fuller, Dan Gluibizzi, Felix Gonzalez-Torres, On Kawara, Marte Kiessling u.a.

Bilder: Kirsten Brandt