Zeitjung Online Zeitung

unDRIVEN

Der Inbegriff des Roadmovies

14.06.2013

Niklas Leifert fährt von Hamburg nach Sizilien. Wer immer seinen Weg kreuzt, darf einsteigen.

Von Clara Günther

Mit dem Auto von Hamburg nach Sizilien? Auf der Suche nach den Geschichten der Menschen, die den Weg kreuzen, ist Niklas Leifert ab Juli in seinem fahrenden Filmstudio unterwegs. ZEITjUNG.de traf sich mit dem Schauspieler, um mehr über das Projekt "unDRIVEN" zu erfahren. Ergeben hat sich ein Gespräch über Freiheit, über das Ziel, auch dem alltäglichen Brotkauf seine Schönheit zuzusprechen und den Höhen und Tiefen des Solo-Projekts. On the Road mit Niklas Leifert – zusteigen, bitte!


ZEITjUNG.de: Du warst in deiner jungen Karriere oft auf der Bühne zu sehen. unDRIVEN ist deine Masterarbeit - und ein Soloprojekt. Warum Film und nicht Theater?

Niklas Leifert: Irgendwie war Film klar, denn es geht mir um echte Begegnungen, keine fiktiven und deswegen die Kameras, die können echtes, natürliches besser einfangen als eine abstrakte Umsetzung auf einer Bühne. Also ist mein Endprodukt ein Road Movie: unDRIVEN. Was mir auch klar war: Unterwegs sein. Meine erste Idee: Ich alleine, 3 Monate mit einer Kamera und der Frage: "Am I Jesus?" Ich habe allerdings gemerkt, dass ich in den Konflikt komme zwischen dem Akteur und dem Typen, der die beste Kameraeinstellung sucht. Eine Crew, die mich drei Monate begleitet, konnte ich mir nicht leisten. Dann habe ich zufällig den Film 180° gesehen. Da ist eine Szene im Auto drin, so wie in ungefähr jedem zweiten Film, trotzdem kam genau hier der Gedankendurchbruch: Klar, im Auto unterwegs sein, dadurch sind die Kameras fix und ich bin in einem fahrenden Filmstudio, kann mich so auf die Begegnungen und natürlich auch auf das Fahren konzentrieren.

Und?
Are you Jesus?

Ich glaube, ich hätte mein Jesus-Experiment sehr ernst genommen und dadurch wäre es sehr lustig geworden. Meine Erfahrung im Leben: Je ernsthafter ich bin, desto mehr lachen die Leute und je ehrlicher ich bin, desto mehr glauben sie, ich würde lügen. Dieses Prinzip gilt natürlich auch für unDRIVEN. Ich finde, Philosophie muss in Entertainment verpackt werden, damit sie was für ein breites Publikum vermitteln kann. Analog zu wissenschaftlichen Texten, die auch für diejenigen, die sich auf dem Fachgebiet nicht auskennen, lesbar und verständlich sein sollten. Form ohne Inhalt ist Quatsch, und Inhalt ohne geeignete Form ebenso.

Trotzdem hast du die Jesus-Idee erstmal aufgegeben?


Jesus ist jetzt komplett in den Hintergrund geraten, weil die Rolle zu sehr besetzt ist. Also gar keine Rolle - ich selbst treffe auf verschiedene Leute, die ich vorher nicht kenne: Meine Beifahrerinnen und Beifahrer. Ich selbst: Einer, der seit Dezember 2012 versucht die Freiheit zu erforschen, herauszufinden, was wirklich einen Wert hat und was nicht. Und Freiheit, das hat für mich wieder viel mit Unterwegs sein und Autofahren - mit Ungebunden sein zu tun.

Auf die Plätze, fertig... – warum reißt es dich gerade jetzt?

Der Zeitpunkt ist mal erstens von der Jahreszeit her gut: Sommer ist die beste Zeit, um sorglos unterwegs zu sein. Auch, um Statements zu machen. Frühjahr und Herbst sind Umbruch-Zeiten, da beginnt etwas, da geht etwas zur Neige. Die Stimmung ist ungewiss oder melancholisch. Davon tragen wir Menschen schon genug in uns drin, das muss nicht auch noch von der Kamera, die nach außen die Subjektive des Autos filmt, eingefangen werden.
 Zum persönlichen Zeitpunkt: Der Film steht für sich, ist aber gleichzeitig mein Master-Abschluss Projekt. Weil das Projekt im Rahmen der Hochschule stattfindet, habe ich keine Filmförderung erhalten, der Rahmen der Hochschule hat aber auch sein Gutes: Ich konnte mir selbst einen Mentor, der von der Schule bezahlt wird, aussuchen. Meine Wahl fiel auf Christof Schertenleib, der Cutter der erfolgreichen Ulrich Seidl-Filme, und so habe ich mit ihm eine ungeheure Schnitt-Erfahrung und filmdramaturgische Kenntnis gewonnen, die unDRIVEN in der Postproduktion zu Gute kommen wird.

Gibt’s inhaltliche Anhaltspunkte, oder fährst du einfach mal drauf los und wartest, was so passiert und wer einsteigt?

Der Film soll nicht akribisch und chronologisch die Reise dokumentieren – in der Postproduktion wird es darum gehen, die roten Fäden zu erkennen und sinnvoll zusammen zu spinnen. Um dem Ganzen aber ein Gefäß zu geben - damit der Film nicht beliebig wirkt - habe ich mir eine inhaltliche Klammer überlegt, die ich aber noch nicht verraten werde. Das ist dann dem Kino-Publikum vorbehalten. Ich finde es wichtig, einen Antrieb zu haben, aber gleichzeitig rechts und links sehr offen zu sein, was da des Weges kommt. Deswegen auch kein Drehbuch. Man kann nicht Allem nachgehen, was daher kommt, dann wird man ganz schnell Getriebener. Genauso, wenn man nur bei seiner Linie bleibt. Auch hier geht es, wie so häufig im Leben, um die richtige Balance.

Ein Projekt solo auf die Beine zu stellen, gerade einen Indie-Film, erfordert ja nicht nur Zeit, sondern auch Moneten. Hast du Mäzene zu empfehlen?

Der zweite Vorteil der Hochschulanbindung: Technische Infrastruktur, also Schnittplätze, und ein Budget von 3000 CHF, was aber bei Weitem nicht für den Film ausreicht. Deshalb habe ich eine Crowdfunding Kampagne ins Leben gerufen und hoffe, dass sich noch mehr Leute finden, die je nach ihren Möglichkeiten kleinere oder größere Beträge investieren. Es gibt im Gegenzug attraktive Dankeschöns, die man sich aussuchen darf. Ich habe einfach noch keinen Namen in der Branche und deswegen war es auch schwierig, Sponsoren aus der Wirtschaft zu gewinnen. Gewundert habe ich mich schon, dass keine einzige Mineralölfirma sagt: Ja klar, der Junge bekommt von uns eine Tankkarte und dafür ist dann im Film immer zu sehen wie er in eine Agip, Shell oder Aral reinfährt und tankt. Es gibt aber zahlreiche Leute, die an mich und mein Projekt glauben und mich unterstützen. Wer mich kennt weiß, dass ich meine Vorhaben sorgfältig und gewissenhaft, aber auch spannend und ein bisschen crazy durchziehe.

Wann und wo muss man sich an den Straßenrand stellen, um Teil deines Films zu werden?

Ein paar Mitfahrer haben sich schon bei mir gemeldet, aus sich heraus, die einsteigen möchten. Andere werde ich unterwegs finden. Beispielsweise in ein Café reingehen, Leute ansprechen. Ich werde eine Broschüre dabei haben, in der das Projekt kurz erklärt wird. Ich spiele hier mit offenen Karten, ohne versteckte Kamera. Und ich habe einen Monat Zeit für die Strecke, die man auch in 3-4 Tagen zurück legen könnte. Wenn ich also in Osnabrück ein bis zwei Tage niemanden finde, dann muss ich nicht in Panik geraten. Ich habe da aber ein sehr großes Vertrauen.

Wie sind denn deine bisherigen Erlebnisse mit Anhaltern verlaufen?

Neulich haben mich in Berlin - ohne dass mein Auto irgendwie besonders gekennzeichnet gewesen wäre, so wie es im Film sein wird - drei Spanier Mitte 50 rangewunken und angehalten. Die wollten nach Tempelhof fahren und waren schon dabei einzusteigen - mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit. Da ich alle anderen Projekte abgesagt habe und mich seit Mitte Dezember 2012 immer stärker nur auf unDRIVEN konzentriere und fokussiere, geschehen die wunderbarsten Begegnungen. Ich habe die Hoffnung und bin zuversichtlich, dass diese Energie und Atmosphäre, in der ich im Moment unterwegs bin, auch während des Road-Trips anhält. Wenn ich allerdings auch mal eine ältere Person mitnehmen möchte, werde ich sicherlich mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen, als bei den medienaffinen jungen Leuten, die gerne bei sowas dabei sind.


Will denn jeder Mitfahrer gefilmt werden?

Natürlich müssen alle Mitfahrer vorher ihr schriftliches Einverständnis geben, dass sie gefilmt werden wollen und ich das Material dann auch im Film verwenden darf. Diese kleine Bürokratie gehört nun einmal dazu, wenn man ein seriöses Filmprojekt auf die Beine stellt. Wenn also gerade ein Hitchhiker am Straßenrand steht, dann muss der mit den Bedingungen einverstanden sein, bevor er einsteigt.

Gibt es für die „medienaffinen jungen Leute“ eine Möglichkeit, deine Reise just in time zu verfolgen?

Von unterwegs aus werde ich zumindest twittern, vielleicht ergibt sich auch noch ein umfassender Blog mit einem Medienpartner, da warte ich allerdings noch auf Antworten.

Bleibt in Zukunft der Film für dich im Vordergrund?

Ich habe nichts gegen die Bühne und stehe auch gern auf ihr, möchte aber das Medium Film jetzt erst mal tiefer ergründen, sowohl als Schauspieler, als auch in eigenen Projekten wie unDRIVEN. Da arbeitet man in der Regel für einen begrenzten Zeitraum sehr intensiv im Team und das Ergebnis steht dann irgendwann als DVD im Regal. Zwischen den Aufträgen kann man auch mal die Beine hochlegen und gut Essen gehen. Und dann wieder ranklotzen.

Du ziehst das Ganze solo durch – die pure Entscheidungsgewalt liegt nur in deiner Hand - ist das die wahre Freiheit, nach der du suchst?

Freiheit, das ist so abstrakt, wurde schon so sehr philosophisch betrachtet. Da könnte ich dir jetzt auch keine Zusammenfassung geben, da ich das nicht studiert habe. Mich interessieren - und ich lerne hauptsächlich von Erfahrungen, die ich selbst mache, auch von Erzählungen anderer, aber nicht so sehr durch das Studieren von Büchern. Deswegen macht auch dieser Road-Trip Sinn. Mich interessiert das Leben live am meisten und die Kameras werden die direkten Begegnungen im Auto aufzeichnen und so den Zuschauern ausserhalb der Karre zugänglich machen.

Warum nun wirklich solo?

Ich funktioniere sehr gut alleine. Das ist vielleicht neben dem Finanziellen auch ein Grund, warum ich ohne Crew unterwegs sein werde. Neulich meinte ein bekannter Drehbuchautor zu mir, er würde auf jeden Fall noch einen Kameramann mitnehmen, der unbeteiligt mit einer Sonnenbrille und Kopfhörern auf der Rückbank sitzt, aber jedes mal, wenn ich irgendwo anhalte und aussteige, vor mir aussteigt und mich mit einer weiteren Kamera außerhalb des Autos begleitet. Aber das will ich nicht. Ich drücke dann lieber jemandem, der da auf der Raststätte gerade sein hart gekochtes Ei pellt, die Kamera in die Hand und sag ihm: Halt mal kurz drauf. Ich sehne mich danach, in dieser Zeit nur dafür zu leben, nur für dieses Projekt, nur für die Begegnungen mit den Beifahrerinnen und Beifahrer und darin voll und ganz aufzugehen. Weil es keine andere Aufgabe in dieser Zeit für mich gibt. Das ist für mich Freiheit. Mich hinzugeben. Ohne denken zu müssen, oh, ich muss noch einkaufen, muss noch meine Mutter anrufen, muss noch eine Bewerbung abschicken.

Wie entzieht man sich denn diesem "müssen", in unserer hektischen Zeit?

Ich glaube, es gibt drei Möglichkeiten, mit der hohen Taktung unserer Zeit umzugehen: 1. Sich allem zu entsagen und Eremit zu werden. 2. Mitmachen und die Schnelligkeit forcieren und entweder damit durch kommen oder aber am Burn-Out scheitern - oder 3. und das ist für mich sowas wie integrierte Freiheit: Die Muße, die Freude, das Schöne in den schnellen Alltag zu integrieren. Das, was jetzt gerade da ist, mit ganzem Herzen zu tun. Das klingt vielleicht sehr idealistisch, aber wenn ich zum Bäcker hetze, weil ich noch ein Brot kaufen muss - eigentlich sollte ich doch schon woanders sein - wo ist dann überhaupt der Wert im Leben? Auch dieser Brotkauf zwischendurch hat seinen Platz, soll keine Last sein, sondern Freude bringen. Es geht um deine Einstellung, um das, was du tagtäglich tust und wie viel du in Kauf nimmst.

„Driven“ – das bedeutet getrieben, gehetzt... Der Titel deines Films stellt sich also dagegen – spiegelt dein eben Gesagtes wieder – sich Zeit fürs Leben nehmen?

Der Titel unDRIVEN, verkörpert einen Gegensatz. Ja, im Wort „undriven“ steckt auch „driven“. Ist es überhaupt möglich, nicht getrieben zu sein, ohne gleichzeitig auch getrieben zu sein? Obwohl ich mich in der Vorbereitung ein bis zwei Monate lang treiben lasse, bin ich währenddessen von meinem Verlangen nach Freiheit getrieben. Und obwohl ich während der Autofahrt nicht möglichst schnell von A nach B muss, sondern der Weg das Ziel ist, bin ich davon getrieben, als Créateur meinen Film zu realisieren. Ich kann es kaum erwarten ins Auto zu steigen und loszufahren. Ansonsten könnte ich genau so gut Consommateur bleiben und mir zum Beispiel Renny Harlins Action-Film "Driven" mit Sylvester Stallone, Kip Pardue und Til Schweiger aus dem Jahr 2001 auf DVD checken.

Inwiefern wirst du dich den Launen der Mitfahrer unterwerfen?

Ich muss nicht JEDEN mitnehmen und überall hin fahren. Man muss auch Nein sagen können. Jeder Absage folgen neue Möglichkeiten, die sich einem offenbaren. Das ist meine Erfahrung. Das System wird nicht müde, einen integrieren zu wollen und ist geduldig. Daher lohnt es sich immer wieder nach dem Plätzchen zu suchen, an dem man seine Blüte voll entfalten kann. Und für mich ist das jetzt erstmal der Fahrersitz.

Offizielle homepage: www.undriven.net

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Crowdfunding für unDRIVEN: www.startnext.de/undriven

Fotos: www.evanapp.com