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Ist Postmoderne eine Illusion? Interview mit Markus Gabriel

"Das ist ein gigantischer Irrtum"

04.07.2014

Prof. Markus Gabriel kämpft mit dem Neuen Realismus gegen die Illusionen der Postmoderne.

Von Julian Zahn

"Postmoderne" ist so ein etwas angegrautes Buzzword. Seit den frühen 1980ern hat es im akademischen Diskurs zahlreiche wichtige Debatten angestoßen, ist inzwischen aber  auch in den banalsten Versuchen der Zeitdiagnose angekommen – vermutlich gerade deshalb, weil kaum jemand konkret sagen kann, was eigentlich "postmodern" ist. Markus Gabriel, ein sehr junger Philosophieprofessor aus Bonn, behauptet: Die Postmoderne irrt sich in vielen Punkten vollkommen. Als Teil einer Bewegung, die sich "Neuer Realismus" nennt, plädiert er unter anderem gegen die Illusion, in einer Illusion zu leben. Wir haben uns mit ihm getroffen.

ZEITjUNG.de: Herr Gabriel, Sie behaupten die Welt gäbe es nicht, ansonsten aber so ziemlich alles, was wir uns denken können. Stimmt das?

Prof. Markus Gabriel: Ja. Also auf jeden Fall behaupte ich genau das. Die Gründe dafür sind auch eigentlich relativ einfach. Wir können uns ja leicht eine Liste der Dinge machen, die es so gibt. Darauf befindet sich dann zum Beispiel die Bundesrepublik Deutschland, Zahlen, Drucker und Träume. Jetzt bleibt aber die Frage, wo diese Gegenstände denn alle vorkommen. Wo gibt es denn Drucker und Zahlen? Da würde man normalerweise vielleicht sagen: „Die gibt es alle… in der Welt!“ Aber welche Struktur soll denn diese Welt haben, wenn in ihr sowohl die Bundesrepublik Deutschland als auch Zahlen und Galaxien vorkommen? Das heißt, die Idee ist: Es gibt nicht so etwas wie einen Behälter, in dem alles „drin“ ist, denn wenn es solch einen Behälter geben könnte, dann müsste es einen Behälter geben, in dem dieser Behälter selbst auch drinsteckt und so weiter. 

Sie proklamieren eine Denkrichtung, die „Neuer Realismus“ genannt wird, und die sie zusammen mit ihrem Kollegen Maurizio Ferraris begründet haben. Der Neue Realismus soll das Zeitalter „nach“ der Postmoderne sein. Was heißt für Sie „nach“ der Postmoderne?

Die Postmoderne war im Grunde genommen der Eindruck, dass die Geschichte, die wir Menschen uns von unserer Präsenz im Universum machen, eigentlich eine Form von Illusion ist. Hinter dieser Illusion steht dann letzlich nur noch eine Tatsache – und zwar die Sinnlosigkeit von Allem. Und diese Sinnlosigkeit von Allem übermalen wir dann mit unseren „Geschichten“. Das war ein Grundeindruck, aus dem die Postmoderne hervorgegangen ist. Der neue Realismus hält jedoch dagegen. Er sagt: Die Geschichten, die wir uns von uns selbst erzählen, die Bilder, die wir uns von uns machen und die Wissensansprüche, die wir erheben, sind völlig real! Man kann also nicht davon ausgehen, dass die Wirklichkeit „wirklicher“ ist, wenn die Geschichten der Menschen nicht da sind.

Die Philosophie der Postmoderne wird ja vor allem mit Pluralität verbunden. Also eine Pluralität der Positionen, Strategien, Lebensweisen und so weiter. Jean-Francois Lyotard spricht 1979 in seinem „Postmodernen Wissen“ vom Ende der „großen Erzählungen“ (mit großen Erzählungen sind Versuche der Welterklärung unter einem zentralen Prinzip gemeint) und von der Vielzahl der sogenannten „Sprachspiele“. Wenn man kritischer gegenüber der Postmoderne eingestellt ist, unterstellt man ihr ja des Öfteren Beliebigkeit oder Relativismus. Aber was wäre aus der Postmoderne Ihrer Meinung nach zu erhalten?




Wir sollten uns von der Postmoderne den ontologischen und erkenntnistheoretischen Pluralismus erhalten. Nach der Postmoderne gibt es verschiedene Gegenstandsbereiche, weil es verschiedene Sprachspiele gibt. So gibt es beispielsweise das Sprachspiel der Physik, das Sprachspiel der Chemie oder das Sprachspiel einer alltäglichen Liebesbeziehung. Diese Sprachspiele sollen nebeneinander stehen, weil sie zu einem großen Teil nicht ineinander übersetzbar sind. Damit sollte bis zu einem gewissen Grad ihr Eigenrecht begründet sein. Dagegen halte ich aber, das nicht die Sprachspiele der Menschen die Pluralität hervorbringen, sondern dass die Pluralität schon da ist. Nicht der Mensch bringt Pluralität durch die Unterscheidungen seiner Sprachspiele hervor, sondern der Mensch findet eine Vielfalt, die schon da ist. Es gibt nun mal einen Unterschied zwischen Liebesgeschichten und Physik – und das liegt nicht erst daran, dass wir unterschiedlich über Liebesgeschichten und Physik sprechen. 


Sie sprechen sich also für mehr Respekt vor den Dingen aus, wie sie existieren.



Richtig. Die Postmoderne beginnt mit einem Satz Heideggers. Er sagt: „Die Sprache ist das Haus des Seins.“ Die Dinge, wie sie sind, existieren demnach für uns nur in der Sprache. Ich würde das umdrehen und sagen: „Das Sein ist das Haus der Sprache“. Das heißt, die Sprache ist einfach eins von vielen Dingen, die es gibt – und deshalb viel weniger spektakulär als viele postmoderne Philosophen das glauben.



Die Postmoderne scheint uns aber zumindest in Begriffen überall zu umgeben, als postmoderne Architektur, Literatur, Kunst oder was auch immer. Der Begriff der Postmoderne wird außerdem gerne in der Popkultur, beziehungsweise in den Medien verwendet, die dann meint, dass etwas oder jemand dann ein „typisch postmodernes“ Phänomen ist. Ich muss dann immer an das Beispiel der Simpsons Folge denken, in der der Barbetreiber Moe seine Bar neu einrichtet und sie dann beschreibt – mit den Worten: „It's po-moe… postmodern!“. Schließlich gibt er Homer und seinen Freunden gegenüber zu: „Alright, weird for the sake of weird“. Liegt die Gefahr der Postmoderne darin, dass wir uns in einer Welt verirren könnten, die vor allem postmodern im Sinne von ästhetischen und intellektuellen Spielereien ist? 


Das ist eine Gefahr. Aber das könnte man ja wenigstens noch deswegen zelebrieren, weil man sagen könnte: Das ist zwar irgendein Unsinn, aber wenigstens haben die Leute Spaß dabei. Eine Komponente der Postmoderne war ja auch eine Befreiung unserer unbewussten Energien. Das stammte noch aus den 60ern und 70ern, gehört also zur Vorgeschichte der Postmoderne. Hierbei stand die Kunst im Mittelpunkt. Das ist eine Gefahr. Viel schlimmer ist allerdings, dass die Postmoderne zur Aufweichung unserer Würdigung geistiger Produkte geführt hat. Es ist ein typisches Phänomen der Postmoderne, dass an Universitäten an die Stelle von Geisteswissenschaften die Kulturwissenschaften getreten sind. Das heißt dann ganz konkret, dass jeder Roman von Konsalik (deutscher Autor zahlreicher erfolgreicher Romane der Nachkriegszeit, Anm.d.Red.) denselben Stellenwert hat wie Goethes „Wahlverwandschaften“ oder – natürlich ist das dann emanzipatorisch gemeint – dass irgendeine Keilschrift an irgendeinem blöden Tempel genauso gut ist wie beispielsweise Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“. Das stimmt einfach nicht. Es gibt offensichtliche Qualitätskriterien im Raum des Geistes, die die Postmoderne nicht anerkennen will. Wer überhaupt der Meinung ist, dass unter geistigen Produkten einige gegenüber anderen herausragen, gerät gleich unter den Verdacht, Menschen auf eine imperialistische oder sonstige Art zu unterdrücken. Das ist ein gigantischer Irrtum!



Sie möchten gegen die Postmoderne ja auch die menschliche Kategorie des Sinns verteidigen, idealistisch gesprochen: den Geist. Wie sollte man sich dem Neuen Realismus nach am besten diesem „Geist“ nähern?



Es gibt einfach ein paar offenkundige Urteile, die man heute fällen muss. Zum Beispiel sind die Sopranos als Kunstwerk um einiges besser als alles, was Homer je geschrieben hat. Natürlich war Homer zu seiner Zeit ein guter Player und es handelt sich bei seinen Werken auch um ausgezeichnete Literatur. Aber sein Werk kann mit allem, was wir heute für gute Literatur halten dürfen, kaum mithalten. Es ist der Beginn einer weit über Homer hinausgehenden Entwicklung. Das waren eher sehr gelungene Versuche eines Anfängers. Für mich ist das eine offensichtliche Tatsache und sollte auch Gegenstand der Geisteswissenschaften sein. Postmoderne Kulturwissenschaftler würden Fernsehserien und Homer wahrscheinlich als gleichberechtigte Erzeugnisse nebeneinander stellen. Ich würde hingegen sagen: Man muss heutzutage vor allem Fernsehserien untersuchen, weil das die Leute heute interessiert – und es interessiert die Leute heutzutage, weil es einfach besser ist. Es ist zwar durchaus wichtig, Homer zu kennen, der Geist macht jedoch klare Fortschritte. Der neue Realismus ist auch eine Verpflichtung auf Fortschritt im Bereich des Geistes.

Die Ilias ist also nicht bloß deshalb gut, weil sie alt ist...



Geistige Erzeugnisse sind niemals gut, weil sie alt sind – sie sind gut, wenn sie gut sind und deswegen überdauern sie manchmal die Jahrtausende. Es gibt ja bis heute auch in der Philosophie den weit verbreiteten Irrtum, dass man jemanden nur lesen, diskutieren, und gut finden sollte, wenn es sich um einen weißen, toten Mann handelt. Das scheint mir absurd zu sein.

Das würde dann ja auch die Postmoderne bestreiten...



Das stimmt. Ich kann ja auch mit vielen Positionen der Postmoderne mitgehen. Ich glaube nur, dass die Postmoderne auf den falschen Grundlagen aufgebaut ist. Man muss sich klarmachen, dass man die Postmoderne ohne Martin Heidegger nicht hätte. Und bei Martin Heidegger handelt es sich politisch um einen inakzeptablen Nazi, also kein guter Anknüpfungspunkt für Emanzipation. Bei der Postmoderne handelt es sich um eine Bewegung, die im Namen der Emanzipation und der Gleichstellung aller Menschen auftritt und deren Held ein Vordenker des Nationalsozialismus ist. Schon dabei handelt es sich natürlich um ein Problem.

Mit der Postmoderne ist auch der sogenannte Konstruktivismus verbunden, der in vielen Wissenschaften einflussreich ist. Ich habe zum Beispiel Politikwissenschaft studiert, in der es die Spielart des „Sozialkonstruktivismus“ gibt. Was ist so gefährlich an den Konstruktivismen dieser Welt?



Konstruktivisten halten Dinge, die Wahrheiten sind für Illusionen. Das ist schon schlimm genug. Wenn ich etwas schlichtweg Wahres für eine komplexe Illusion halte, der ich auf die Schliche kommen muss, werde ich nun mal in der Illusion leben, dass es Illusionen gibt, wo gar keine sind. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich der Meinung bin, dass es in Wahrheit keine grünen Wiesen gibt, sondern nur durch unser Gehirn konstruierte Gegenstände, die wir Wiesen nennen und in unserem visuellen Kortex grün einfärben, wenn wir also die Geschichte der neuronalen Konstruktion von Wiesen erzählen, werden wir gar nicht mehr daran glauben, dass es grüne Wiesen gibt. Dann wird man komplexe Forschungsprojekte installieren, die von der Annahme der Nichtexistenz grüner Wiesen ausgehen. So ähnlich ist es auch mit dem Sozialkonstruktionen. Ein Gipfel der Postmoderne war ja Jean Baudrillards Behauptung, dass der erste Golfkrieg gar nicht stattfände. Damit meinte er nicht, dass in der Golfregion keine Menschen erschossen würden. Aber er meinte, dass der Golfkrieg nur eine Art Inszenierung eines Krieges darstellt. Tatsächlich handelte es sich aber um einen konventionellen Krieg, der über die Medien nur in einer neuartigen Art zu beobachten war. 
Viele sogenannte soziale Konstruktionen sind also letztlich gar nicht sozial konstruiert. 


Wobei es solche Inszenierungen vermutlich schon gibt. Gerade deshalb wäre es aber wichtig zu wissen, was nicht inszeniert ist.

Richtig. Der neue Realismus sagt: Wenn wir wissen wollen, was konstruiert ist, sollten wir uns erstmal anschauen, was nicht konstruiert ist. Das nenne ich das Argument aus der Faktizität. Erstmal sollten wir beobachten, was wir gar nicht für konstruiert halten können. Dann werden wir überraschender Weise schnell einsehen, dass die Reichweite unserer Konstruktionen viel geringer ist als wir vermutet haben. Es gibt heutzutage diese Überschätzung von Gehirn, Gesellschaft und Politik. Man stellt sich immer vor, es gebe irgendwen, der die Macht hat. Das Gehirn, die Gesellschaft oder die Politik, der Markt, die Juristen – irgendwer muss verantwortlich sein, und alles hervorbringen. Diese Annahme entspringt aber eher unserer menschlichen Neigung zu aufgeblasenen Verschwörungstheorien.

Zusammenfassend und etwas zuspitzend gefragt: Gibt es eine einfach Lehre, die man aus dem Neuen Realismus ziehen könnte? Wie sollte ich als frischgebackener Neuer Realist mein Leben bestreiten?



Meiner Meinung nach sind zwei Dinge besonders wichtig: Erstens sollte man sich nicht ohne Weiteres mit der Behauptung abspeisen lassen, dass es sich bei Beobachtungen eigentlich um Illusionen handelt. Zweitens sollte man sich immer fragen, in welchem Zusammenhang eine Behauptung formuliert wird. Denn zu existieren heißt, in einem bestimmten Zusammenhang vorkommen.

Bildquelle: Chiara Marra unter CC BY 2.0